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Bordeaux
Schwanders Empfehlung: Bordeaux 2016
2016 war ein sehr gutes Jahr im Bordelais – und brachte selbst bei den einfachen Weinen erfreuliche Resultate. So das Urteil von Master of Wine Philipp Schwander nach seinem Besuch im April
Kündigt Bordeaux einen guten Jahrgang an, bin ich a prima vista sehr skeptisch. Zu oft schon verkauften uns die Bordelais einen mittelmässigen Jahrgang als Jahrhundertereignis. Beim 2016er sind die Vorschusslorbeeren jedoch gerechtfertigt – im Vergleich zu anderen Regionen Frankreichs, die von Frost und Hagel heimgesucht wurden, profitierte Bordeaux von einer ausgeprägten Glückssträhne. Ähnlich wie 2009 und 2010 wird es zudem über die Jahre hinweg spannend sein, zu verfolgen, ob der 2015er oder der 2016er obenauf schwingt. Freunde des klassischen, finessenreichen Bordeauxweines sollten den jüngsten Jahrgang auf alle Fälle im Auge behalten.
Wie gewohnt empfiehlt sich ein Blick auf den meteorologischen Verlauf der Vegetationsperiode. Völlig ungewöhnlich – und in diesem Ausmass vermutlich noch nie da gewesen – sind die klimatischen Extreme: In der ersten Jahreshälfte war es feucht und unbeständig, in der zweiten sehr trocken und warm. Die Mutmassungen einiger Journalisten, dies sei auf das Klima phänomen El Nino auf der Südhalbkugel zurückzuführen, treffen jedoch nicht zu: Die Effekte von El Nino sind in Europa, wenn überhaupt zu spüren, marginal.
Zuerst einmal viel Regen
In den ersten sechs Monaten bis und mit Juni regnete es im Bordelais oft und kräftig. So brach der Januar mit 230 Millimetern Niederschlag alle Rekorde und soll gar der regenreichste seit 1920 gewesen sein. Auch im März regnete es heftig, und selbst der Mai lag über dem langjährigen Schnitt. Der Falsche Mehltau war allgegenwärtig und die konsequente Bekämpfung der Pilzkrankheit ein Muss. Zum Glück verhinderte die kühle Witterung Anfang März einen verfrühten Austrieb – gravierende Ernteausfälle wegen Frosts wie in der Loire und dem Burgund hätten die Folge sein können. So bildeten sich die Knospen erst ab dem 20. März, in einem Zeitfenster, in dem es relativ warm war.
Der Fruchtansatz war meist homogen, was für die spätere Qualität massgeblich ist, da dies für eine gleichmässige Ausbildung der Trauben sorgt. Im Gegensatz zu anderen Regionen lagen die Temperaturen zwar teilweise tief, aber nicht tief genug, um Schäden zu verursachen. Im April wechselten sich Wärme und Kälte ab, und die Regenfälle liessen zur Freude aller ein wenig nach. Auch der Mai blieb schwierig, aber die Heimsuchungen, mit denen andere Regionen Frankreichs zu kämpfen hatten, blieben Bordeaux erspart.
Dann – ein abermaliges Glück – blieb das Wetter zwischen dem 2. und 11. Juni recht stabil, was zu einer vergleichsweise raschen und einheitlichen Blüte führte. Es darf als kleines Wunder bezeichnet werden, dass sich die zuvor derart schlechte Witterung ausgerechnet in diesem wichtigen Zeitabschnitt beruhigte! Dennoch sind viele vom harmonischen Verlauf der Blüte überrascht, wie auch Jean-Philippe Delmas vom Château Haut-Brion betont.
Ein trockener und warmer Sommer
Und abermals geschah ein kleines Mirakel: Um den 23.Juni herum (Brexit) schlug das regnerische Wetter unversehens um, und es blieb mit Temperaturen, die von unter 20 auf deutlich über 30 Grad hochschnellten, bis zum 13. September trocken und warm. Nun erwiesen sich die zahlreichen Niederschläge in der ersten Jahreshälfte als wahrer Segen, denn nachdem im Juli und August insgesamt nur gerade 19 Millimeter Regen – gegenüber 107 im langjährigen Durchschnitt – fielen, wären die Wasserreserven rasch aufgebraucht gewesen, und die Reben hätten massiv unter der Trockenheit gelitten.
Die Temperaturen waren im Juli moderat, der August hingegen zeigte sich zeitweise extrem warm und brachte zwei Hitzewellen. Umso erstaunlicher ist es, dass ausser bei jungen Reben oder Stöcken auf durchlässigen Böden nur wenig Trockenschäden zu verzeichnen waren. Und nochmals half die Glücksfee: Während der «véraison», des Farbumschlags der Trauben, fielen am 30.Juli und 4.August einige kleine Niederschläge, just im richtigen Moment, um die Reifeblockaden zu mildern.
Grosse Eleganz absehbar
Ein weiterer, wichtiger Umstand waren die unüblich hohen Tag-/Nacht-Temperaturunterschiede von bis zu 20 Grad. Dies ist sicher einer der Hauptgründe für die gute Säure und Eleganz der 2016er. In der Nacht des 13. Septembers öffnete dann der Himmel seine Schleusen – gerade noch rechtzeitig, um die vielerorts stagnierende Entwicklung durch das dringend benötigte Wasser wieder in Gang zu bringen. Zugleich fiel die Temperatur um zirka 10 Grad. Der Regen und der dadurch ausgelöste Reifeschub führten dazu, dass die Trauben zwar nach wie vor viel, jedoch sehr reifes Tannin enthielten. Im Zusammenspiel mit dem tieferen Alkoholgehalt und der höheren Säure resultierten Weine mit grosser Eleganz und einer klassischen, kühlen Fruchtigkeit.
Kleine Regenfälle am 30. September wirkten ebenfalls unterstützend, allerdings war es zu jenem Zeitpunkt bereits markant kühler, und die Reifung schritt entsprechend langsamer voran. Mitte Oktober liess sich keine Verbesserung mehr erzielen, und die meisten Cabernets wurden eingebracht. Das Traubengut war gesund, Sortiertische benötigte man kaum.
Unabhängig von den Lobgesängen der Bordelaiser Produzenten ist es immer reizvoll, herauszufinden, was wirklich hinter dem neuen Jahrgang steckt. Oft hilft ein Blick auf die Basisweine. Bei diesen können die Winzer keine aufwendigen Selektionen vornehmen. Sie widerspiegeln denn auch meist die wahre Qualität eines Jahres. Es war deshalb beruhigend, festzustellen, dass die Qualität der einfachen Weine 2016 höchst erfreulich ist. Im Vergleich zu 2015 sind diese allerdings weniger üppig, dafür frischer und klassischer, mit abgerundeten Gerbstoffen.
Erreichten die Merlots 2015 oft 15 Prozent Alkohol und die Cabernets 14 Prozent, lagen sie 2016 meist 1 Prozent tiefer. Für biologisch arbeitende Weinbauern war das feuchte Frühjahr eine Herausforderung und verlangte einen hohen Arbeitseinsatz. Leichte, karge Böden – wie etwa in Margaux – verursachten wegen der Trockenheit mehr Probleme als das tonhaltigere Terrain in St-Estèphe. Man gewann insgesamt den Eindruck, dass im Bordelais die Zeit der Frucht- und Alkoholbomben vorbei ist und viel sorgfältiger extrahiert wird.
Ein «intellektueller» Jahrgang?
Trotz der Trockenheit gelangen in der Gemeinde Margaux einige ausgezeichnete Gewächse; allgemein dürften dort die 2015er jedoch besser sein. Sehr erfreulich ist die Qualitätsentwicklung auf Issan und Brane-Cantenac; aber auch Prieuré-Lichine vermochte, wie schon im vergangenen Jahr, sehr zu gefallen. Bei den weniger bekannten Crus sollte man Labégorce im Auge behalten. Den vielleicht besten Wein der Appellation kelterte das Château Palmer – allerdings erreicht er nicht ganz das Niveau des superben 2015ers. Direktor Thomas Duroux beschrieb den 2016er im Vergleich zum opulenten 2015er als «intellektuell».
Auf Château Margaux präsentierte uns der neue Direktor Philippe Bascaules einen sehr feinen, aus 94 Prozent Cabernet-Sauvignon bestehenden Wein. Bascaules arbeitete früher bereits 21 Jahre auf Château Margaux und kümmerte sich danach um Francis Ford Coppolas Weingut im Napa Valley.
In St-Julien begeisterten Ducru-Beaucaillou und Léoville-Poyferré, dicht darauf folgen Léoville-Barton und Talbot. Léoville-las-Cases gelang ein nobler, distinguierter Wein, der sich bereits erstaunlich zugänglich zeigte. Für den Maître de Chai Bruno Rolland ist der aktuelle Jahrgang ein «moderner 1986er». Seit der Mitbeteiligung von Suntory, dem auch Lagrange gehört, scheint Château Beychevelle wieder auf dem aufsteigenden Ast zu sein.
Mouton-Rothschild trumpft auf
Zahlreiche gute Erzeugnisse degustierten wir in Pauillac, wobei bei den Premier Crus das Château Lafite-Rothschild einmal mehr das Schlusslicht bildete. Es wäre begrüssenswert, wenn der inzwischen 112 Hektaren grosse Betrieb etwas strikter selektionierte. Grossartig gelungen und einer der Weine des Jahres ist mit Sicherheit Mouton-Rothschild. Wer Cabernet Sauvignon allerhöchster Qualität schätzt, sollte sich hiervon unbedingt einige Flaschen in den Keller legen! Auch Pichon Lalande gelang ein superber, dunkelbeeriger Wein. Wir teilen die Meinung des Direktors Nicolas Glumineau, dass er den 2015er deutlich übertrifft und vielleicht sogar in die gleiche Liga wie der legendäre 1982er gehört.
Armailhac und Grand-Puy-Lacoste schmeckten verführerisch, und es ist erfreulich, zu sehen, dass das lange Zeit vernachlässigte Pédesclaux wieder ansprechende Gewächse erzeugt. Christian Seely von Pichon Baron öffnete gleich alle Jahrgänge zurück bis 2009. Der 2016er ist ein grosser, nobler Cabernet; der viel preiswertere, zum selben Haus gehörende Pibran dürfte einer der Preis-Leistungs-Sieger sein. Die Familie Cazes von Lynch-Bages hat einiges vor: Sie erneuert nicht nur ihr Château, sondern hat zugleich auch Haut-Batailley übernommen. Der Kaufpreis wurde nicht kommuniziert, dürfte aber bei 100Millionen Euro liegen.
Der Landpreis für gewöhnliche Parzellen in Pauillac liegt bei schwindelerregenden zwei Millionen Euro pro Hektare. Ein Cru classé dürfte mindestens doppelt so teuer sein. Interessanterweise sind gerade Premiers Crus häufig Käufer von weniger guten Lagen. Diese Trauben werden dann für den Zweit- und Drittwein verwertet und können beim derzeitigen Preisniveau trotz den hohen Landpreisen noch immer Gewinn abwerfen.
In der Gemeinde St-Estèphe sind Montrose und Cos d'Estournel die besten Weine, wobei uns zurzeit Montrose ein wenig besser gefiel. Beide sind jedoch von allerhöchstem Niveau. Cos-Eigentümer Michel Reybier, ein Unternehmer alter Schule, der seit langem in der Schweiz lebt, hätte auch Gruaud-Larose erwerben können. Er betonte jedoch, dass der besondere Charakter von Cos den Ausschlag für den Kauf gegeben habe. Bei Calon-Ségur geht es nach jahrelangen Ankündigungen qualitativ tatsächlich aufwärts.
In St-Emilion entdeckten wir zahl reiche exzellente Weine. Besonders überzeugte uns heuer Cheval Blanc und dessen Zweit wein, aber auch Figeac und insbesondere die Gewächse von Stephan Graf von Neipperg (Canon-la-Gaffelière, Aiguilhe, Mondotte) waren grosse Klasse. Das zu Unrecht weniger bekannte La Tour-Figeac brachte gleichfalls einen schönen Wein hervor. Ausone und Angélus waren beeindruckend, beide dürften aber 2015 die besseren Weine gemacht haben. Nach dem fulminanten 2015er Canon wirkte der mittel gewichtige 2016er ein wenig harmlos.
Die Graves-Region schien 2016 weniger erfolgreich als 2015. Jean-Philippe Delmas präsentierte eine gelungene Kollektion, die Weine wirkten jedoch relativ schlank, wobei Haut-Brion ein bisschen besser als La Mission abschnitt. Als erfreulich beurteilten wir den Wein des lediglich 6,8 Hektaren grossen Carmes Haut-Brion, das zum exorbitanten Betrag von 18 Millionen Euro 2010 den Besitzer wechselte, sowie den eleganten, klassischen Domaine de Chevalier. Massiv, voll und eines der eindrücklichsten Erzeugnisse der Appellation ist Pape Clément.
Gelesen wird per GPS
Mein persönlicher Favorit in Pomerol war der grandiose Vieux Château Certan. Der junge Guillaume Thienpont verfeinerte die Selektion im Rebberg und arbeitet seit neuem nicht nur parzellenweise, sondern markiert sogar die Rebstöcke. Dirigiert werden die Leser präzise mittels GPS. Sehr gut, aber nicht so betörend wie 2015 war L'Evangile. Von den Moueix-Gütern war Pétrus schlicht umwerfend; es dürfte einer der besten Pétrus aller Zeiten sein! Ebenfalls gelungen waren Trotanoy und Bélair Monange, Letzteres ist 2012 aus der Zusammenlegung der Premier Crus Magdelaine und Bélair entstanden.
Die trockenen Weissweine erreichten oft nicht das Niveau von 2015. Insbesondere jene Winzer, die vor dem Regen am 13.September ernteten, erzielten Weine mit zu wenig Säure und Aromatik. Auch die Sauternes beeindruckten weniger – vielen fehlt es an Rasse. Spricht man mit den Produzenten und Händlern, gehen viele von Preiserhöhungen zwischen 5 und 15 Prozent aus. Dies wird mit der hohen Qualität begründet. Interessanterweise wurde seinerzeit beim Jahrgang 2013 argumentiert, dass keine Preissenkung möglich sei, weil so wenig geerntet wurde. 2016 war jedoch die umfangreichste Ernte seit 2006.
Es wird angenommen, dass die Chinesen ein wenig kaufen werden, jedoch nie mehr in dem Ausmass wie 2010, als sie die Preise in neue Rekordhöhen trieben. Die Produzenten, die einen Teil der Ernte zurückbehielten, weil sie auf höhere Preise hofften, haben sich verspekuliert. Château Latour, das seit 2012 nicht mehr en primeur verkauft, dürfte gar ein grosses Absatzproblem haben. Seit sich Robert Parker zurückgezogen hat, fehlt ausserdem der wichtigste Promoter der Region. Es berichten zahlreiche andere Journalisten, die allesamt nie die Bedeutung Parkers erlangt haben.
Der 2016er vermittelt den Eindruck, dass sich die Produzenten wieder vermehrt auf die Tugend des Bordelais besonnen haben, elegante, finessenreiche Rotweine zu erzeugen und keine überextrahierten Bomben.
Bordeaux dürfte so weiter an Anziehungskraft gewinnen – auch touristisch, zumal viele Amerikaner Paris aus Angst vor Terroranschlägen meiden; ab Juli erreicht man die Weinstadt von Paris aus mit dem TGV in zwei Stunden. Das herausgeputzte Bordeaux hat eine enorme Wandlung durchlaufen und ist nicht mehr zu vergleichen mit dem Erscheinungsbild Anfang der 1980er Jahre, als gar noch Einschüsse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in den rauch geschwärzten Fassaden zu sehen waren.